Wir haben schon oft die Frage erhalten, wie eigentlich so ein Buch entsteht. Mit einem kurzen Satz kann man das nicht beantworten, denn bis ein Buch fertig beim Buchhändler im Regal steht, müssen sehr viele Schritte in verschiedenen Abteilungen innerhalb und außerhalb des Verlages durchlaufen werden, vom Vertragsabschluss über das Lektorat bis hin zum Druck und dem anschließenden Vertrieb und Marketing. Was da so alles zusammen kommt, das könnt ihr euch sehr anschaulich in der PDF-Darstellung "Von der Idee zum Buch" von der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen unter www.avj-online.de/idee-buch-2010 anschauen.
Wenn ein Buch im Original nicht in deutscher Sprache vorliegen, ist einer der allerersten Schritte die Übersetzung des Textes. Eine sehr wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe, will doch der originale Stil und Wortwitz erhalten bzw. übernommen werden. Und so haben wir zwei unserer Übersetzer einfach mal gebeten, euch ein wenig Einblick in ihre Arbeit zu geben. Herausgekommen ist ein hochinteressantes Interview mit zwölf Fragen an Michaela Link und Marcel Bülles:
1. Frage: Wie bist du Übersetzer geworden? Hast du den Beruf gelernt?
Michaela Link: Ich habe ein Übersetzerstudium mit den Sprachen Chinesisch und Koreanisch gemacht. Der Studiengang war überwiegend auf Wirtschaft ausgelegt, was mich eher gelangweilt hat. Dann kam ein neuer Professor an die Uni, der Literatur machte, und ich war sofort am Haken. Mit 23 Jahren habe ich meine erste Übersetzung aus dem Chinesischen gemacht, weitere folgten. Da aus dem Chinesischen eher wenig übersetzt wird und meine Chinesischkenntnisse ohnehin zu gering waren, habe ich mich kurz entschlossen aufs Englische verlegt. Insofern habe ich den Beruf erlernt, wenn auch quasi über einen chinesischen Umweg.
Marcel Bülles: Ich habe an der Universität Köln Anglistik und Anglo-Amerikanische Geschichte studiert und nebenbei auch in die Vergleichende Sprachwissenschaft hineingeschnuppert, was mich zum klassischen Quereinsteiger macht. Sprich: Ich habe keinen Übersetzerstudiengang absolviert bzw. den staatlichen geprüften Übersetzer gemacht, sondern aus meiner Beschäftigung mit Sprache und Literatur heraus immer ein großes Interesse an der Übertragung von Texten gehabt. Als mich eine Bekannte ansprach, ob ich denn schon über eine Tätigkeit als Übersetzer nachgedacht hätte – und mir gleichzeitig einen langfristigen Auftrag anbot –, war es eigentlich nur der nächste logische Schritt. Den staatlich geprüften Übersetzer werde ich definitiv noch nachholen, das gehört zum Handwerk einfach dazu.
2. Frage: Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?
Michaela Link: Normalerweise fange ich morgens spätestens um acht an, mache dann eine kurze Mittagspause und arbeite etwa bis fünf Uhr weiter.
Marcel Bülles: Er fängt spät an. Ich arbeite oft nachts bis vier oder fünf Uhr morgens, weil ich vor allem abends und nachts ungestört und in einem Guss arbeiten kann. Wer mich also sprechen und einige zusammenhängende Sätze von mir hören möchte, sollte mich nicht vor elf Uhr anrufen :) Grundsätzlich versuche ich in der Übersetzungsphase, vor allem bei der Rohübersetzung, acht bis zehn Stunden am Stück arbeiten zu können, denn es ist ganz wichtig konzentriert vorgehen zu können. Alles, was ablenkt, wird ausgeblendet (E-Mail, Internet, Telefon & Co.) Das klappt natürlich nicht immer, aber Ziel ist es, etwa ein bis zwei Stunden lang zu übersetzen, dann eine Viertelstunde Pause einzulegen, kurz abzulenken, den Kopf ›aufzufrischen‹, und sich dann wieder ein bis zwei Stunden an den Text zu begeben.
3. Frage: Welches war das bisher schwierigste Buch, das du übersetzt hast?
Michaela Link: Das lässt sich schwer sagen, oft kommt es einem so vor, als sei ein bestimmtes Buch besonders schwierig, da sammelt sich im Laufe eines langen Übersetzerlebens so manches an. Die schwierigsten Bücher, die ich für LYX übersetzt habe, waren für mich die von Alison Sinclair.
Marcel Bülles: Vermutlich war das Die Wissenschaft bei Tolkien von Henry Gee. Es handelt sich dabei um ein Sachbuch, bei dem der Autor (der u.a. Redakteur beim Magazin Nature ist) aus den verschiedensten naturwissenschaftlichen, aber auch anderen Bereichen spannende Vergleiche zum Herr der Ringe und moderner Technologie zieht. Wer sich Optik bei Elben, Metallurgie bei den Zwergen und Aerodynamik bei den Adlern vorstellen kann, der weiß, dass die Fachsprache nicht gerade einfach ist – und für mich als ›Literaten‹ eben eine besondere Herausforderung.
4. Frage: Was macht man in dem Fall, dass man ein Wort/Passage nicht kennt/nicht versteht? (bei Kunstwörtern etc.) Fragt man dann beim Autor nach, was damit gemeint ist?
Michaela Link: Bisher sind wir – mein Mann ist ebenfalls Übersetzer – mit allem fertig geworden. Das Internet ist eine große Hilfe bei Zweifelsfällen. Einen Autor gefragt haben wir, soweit ich mich erinnere, nur ein oder zwei Mal.
Marcel Bülles: Das ist sicherlich eine gute Option (insofern der Autor noch lebt), und die wähle ich persönlich sehr gerne. Ich habe noch keinen Autoren getroffen, der nicht gerne bei der Übersetzung ›mithilft‹ – und im Zeitalter der E-Mail geht so etwas schnell und problemlos.
Bei einzelnen Übersetzungen nutze ich die außergewöhnlichen Möglichkeiten, die das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen am Niederrhein bietet: Über 100.000 Fachwerke rund ums Übersetzen: Wer sich in diesem Haus aufhält und ein Wort findet, das sich nicht nachschlagen lässt, dann wäre das ein Weltwunder.
In meinem Arbeitszimmer halte ich natürlich etliche Wörterbücher bereit; wenn ich Fachwörterbücher benötige, schaffe ich sie zur Übersetzung an oder leihe sie mir aus; das Internet bietet viele Übersetzungsseiten, die zuweilen weiterhelfen können – aber die beste Option ist und bleibt, ständig Neues zu lesen, sich somit weiterzubilden und Freunde in Großbritannien, den USA usw. regelmäßig zu besuchen.
5. Frage: Wie lange brauchst du in der Regel zum Übersetzen einer Buchseite?
Michaela Link: Das lässt sich kaum sagen. Zum einen ist Buchseite nicht gleich Buchseite, zum anderen arbeite ich meist mit meinem Mann im Team, und zu meiner Zeit kommt seine noch hinzu und die der Schreibkräfte. Wir sind allerdings, auch auf einen von uns umgerechnet, eher schneller als die Kollegen – weil wir anders als die meisten Übersetzer diktieren.
Marcel Bülles: Das lässt sich ganz schwer sagen, denn das kommt ganz auf die Situation an: Ist es ein guter oder schlechter Tag zum Übersetzen, handelt es sich um sehr komplexe Zusammenhänge, einen anstrengenden Sprachstil oder Fachbegriffe? Bei Ausschreibungen für Übersetzer, die in einer Agentur arbeiten wollen, gilt, dass sie etwa 3.000 Wörter am Tag schaffen sollen, was in etwa fünfzehn Manuskriptseiten entspricht oder etwa einer Dreiviertelstunde gesprochenen Text. Ein erfahrener Lektor meinte zu mir, dass die guten Übersetzer zwanzig Manuskriptseiten schaffen – das versuche ich zu erreichen.
6. Frage: Benötigt man – neben der Sprachkenntnis – noch andere Fähigkeiten, die bei diesem Beruf wichtig sind?
Michaela Link: Man sollte Freude an der Muttersprache und am Formulieren haben, und natürlich muss man in den prägenden Kindheits- und Jugendjahren wie besessen gelesen haben. Mein Mann und ich haben ganze Büchereien leer gelesen. Wer keinen Spaß am Lesen hat, wird auch keinen Spaß am Übersetzen haben.
Marcel Bülles: Jede andere Fähigkeit hilft :) Man sollte verdammt schnell blind tippen können, sonst dauert die Übersetzung allein aus diesem Grund zu lange; man sollte sehr, sehr viel im Leben gelesen haben (und weiterhin lesen!); man muss seine eigene Sprache sehr gut beherrschen und sich gut ausdrücken können; und man muss bereit sein, eine immens kreative Arbeit erledigen zu wollen, die äußerste Konzentration verlangt. Sie ist extrem anstrengend, vor allem dann, wenn einem der Abgabetermin im Nacken sitzt – was ich aber tunlichst vermeide.
7. Frage: Welche Bücher des LYX-Verlages hast du bereits übersetzt?
Michaela Link: Ich habe die Vampire Academy-Reihe von Richelle Mead übersetzt, außerdem Rachel Hawkins Hex Hall, Andrea Cremers Nightshade und die Bücher von Alison Sinclair Nachtgeboren, Lichtgeboren und Schattengeboren.
Marcel Bülles: Ich übersetze die spannenden Abenteuer von Merit und Ethan in der Reihe der Chicagoland Vampires von Chloe Neill; die ersten drei Bände sind übersetzt, die ersten zwei sind bereits erschienen. Hat mir sehr viel Spaß gemacht, denn diese Romane haben ordentlich Action, Humor und einige bezaubernde Bösewichte – und das, obwohl ich kein ausgewiesener Vampirfreund bin. Aber Merit allein ist die Lektüre schon wert.
8. Frage: Ist es für die Übersetzung besser, wenn einem das Buch inhaltlich liegt oder wenn man den Inhalt nicht mag?
Michaela Link: Wenn man Routine hat, ist es eigentlich egal, ob einem das Buch nun persönlich gefällt oder nicht. Schöner ist es natürlich, wenn man ein Buch übersetzt, das man in jedem Fall auch gern gelesen hätte. Ob einem der Stil entgegenkommt, ist allerdings ein nicht zu unterschätzender Faktor.
Marcel Bülles: Es ist sicherlich einfacher und angenehmer, wenn einem das Buch ›liegt‹, denn die Arbeit soll ja auch Spaß machen. Es ist vermutlich so, als ob man einen Tischler fragt, ob er eine einfache Kommode machen könnte – oder sie auch mit Intarsien versehen darf. Die Arbeit muss gemacht werden, sie wird auch gemacht, denn das hat man nun mal gelernt, aber es ist schon nett, wenn man auch noch kreativ sein darf bei dem, was einem gefällt.
9. Frage: Wie lange übst du den Beruf schon aus?
Michaela Link: Wenn man meine »chinesische Zeit« mitrechnet, 25 Jahre.
Marcel Bülles: Ich bin seit 2003 als freiberuflicher Übersetzer tätig.
10. Frage: Was fasziniert dich an diesem Beruf?
Michaela Link: Ich war vom ersten Tag an fasziniert, als ich es mit der Übersetzung eines literarischen Textes zu tun bekam. Das Spielen mit Sprache macht einfach Spaß, die Suche nach der richtigen Formulierung, das Eintauchen in einen fremden Stil und das Gefühl, sich immer besser hineinfühlen zu können.
Marcel Bülles: Ich habe seit etwa dem vierzehnten Lebensjahr englischsprachige Titel immer nur im Original gelesen, weil in der Übertragung immer etwas verloren geht. Bei einer guten Übersetzung ist der Verlust minimal; bei einer wirklich guten wird er durch die literarischen Kenntnisse und handwerklichen Fähigkeiten des Übersetzers ausgeglichen, weil er es schafft, die Erzählung an kulturellen Konventionen vorbei ›begreifbar‹ zu machen – und das wollte ich auch können. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich die Menschen besser verstehen würden, wenn sie miteinander reden, ernsthaft miteinander kommunizieren würden – und wenn der Leser sich durch meine Übersetzung für eine andere Kultur, ein anderes Leben und Denken interessiert, dann ist das eine gute Sache. Ich sehe Literatur als Möglichkeit, Grenzen zwischen Menschen zu überbrücken – und um diese Brücken zu bauen, ist der Übersetzer zwingend notwendig.
11. Frage: Was würdest du an dem Beruf interessierten Personen mit auf den Weg geben wollen?
Michaela Link: Zunächst einmal muss man lesen, lesen, lesen. Meiner Meinung nach kann man das nicht im Erwachsenenalter nachholen, da prägen die ganz frühen Jahre.
Marcel Bülles: Es ist kein leichter Beruf; es ist kein Beruf, mit dem man viel verdienen kann; die Zukunft des Berufs ›Übersetzer‹ ist gerade rapiden Umbrüchen unterworfen, so dass man nicht wissen kann, ob es sich noch lohnen wird, in zwanzig Jahren Übersetzer zu sein; Spezialisierungen sind daher sehr nützlich und auch die Option des Dolmetschers sollte überdacht werden, wenn Du Dich gut ausdrücken, unter Druck arbeiten und sehr schnell denken kannst. Diesen Beruf muss man lieben und man muss ihn wollen – ansonsten hat man vermutlich den falschen Berufsweg eingeschlagen.
12. Frage: Siehst du deinen Aufgabenbereich eher als kreativen Part oder als methodisch geprägten Prozess?
Michaela Link: Auch wenn manches im Lauf der Jahre so leicht von der Hand geht, das man es für Routine halten könnte, ist meine Tätigkeit doch durch und durch kreativ. Sie umfasst zwar ein kleineres Spektrum von Problemen als das, mit dem sich ein Autor auseinandersetzen muss, aber in unserem beschränkten Bereich kann man die Leser nur durch Kreativität begeistern.
Marcel Bülles: Ich bin ein kreativer, zuweilen leicht undisziplinierter Mensch. Da ich für mich den Begriff ›leidenschaftlich-erfinderischer Chaot‹ beanspruchen würde, reden wir definitiv von Kreativität – die Methodik ist sicherlich vonnöten, aber ich würde mich diesem Wort nicht unterordnen wollen. Es gibt das geflügelte Wort, dass ›Autoren Literatur erschaffen, Übersetzer aber Weltliteratur‹, und das fasst recht gut zusammen, wie das Selbstverständnis vermutlich eines jeden Übersetzers auszusehen hat: Wir übersetzen nicht einfach, sondern wir ermöglichen Literatur. Ein tumbes Eins-zu-Eins-Übersetzen können vielleicht Babelfish und andere computergestützte Systeme übernehmen, aber ihnen fehlt der Zusammenhang, der Sprache erst wirklich verständlich werden lässt. Nein, nein – kreativ ist schon die richtige Antwort.
Abschließend möchte ich gerne betonen, dass ich diesen Job wirklich gerne mache – er ist nicht einfach, man hat es als Übersetzer in den ›Medien‹ nicht leicht, Aufträge an Land zu ziehen klappt auch nicht immer so, wie man es sich vorstellt, und der eine oder andere Verlag ist zuweilen ein wenig knauserig – aber wenn man sich durchbeißt, sich regelmäßig bewirbt und auch weiterbildet und auf Kollegen und Kolleginnen trifft, gerade auch aus dem Ausland, die mit Leidenschaft und Begeisterung in einem noch viel schwierigeren Umfeld arbeiten als in Deutschland, dann weiß man, dass man einen wirklich kreativen und erfüllenden Beruf gewählt hat, der einen Sinn ergibt.
Die Interviews wurden im September 2011 geführt. Wir danken Michaela Link und Marcel Bülles für die Beantwortung der Fragen.







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